Reportage

Das gläserne Projekt

„Durchwegs gelohnt“: Die Bürgerbeteiligung im Rahmen der Neuentwicklung des ehemaligen Paulaner-Brauereigeländes hat in der Landeshauptstadt München Maßstäbe gesetzt.

Die Kräne drehen sich, Arbeiter wuseln umher, es riecht nach frischem Beton. Jenseits der Isar, in der Oberen Au, nicht weit vom bekannten Nockherberg entfernt, wird gebaut. Und wie: Die Bayerische Hausbau errichtet dort, auf einer der letzten großen freien Flächen im Innenstadtbereich, bis zu 1.500 Wohnungen. Sie entstehen dort, wo lange Zeit Bier gebraut wurde: Die Paulaner Brauerei hatte vor mehr als zehn Jahren beschlossen, mit ihren Produktionsstätten an den Stadtrand zu ziehen, so konnte die Fläche von mehr als neun Hektar, verteilt auf drei Teilareale, dem Wohnungsbau zugeführt werden.

Das Nockherberg-Projekt war und ist eine der größten Umstrukturierungsmaßnahmen der Landeshauptstadt – und eine einmalige Gelegenheit zur Stadtentwicklung. Aber auch eine einmalige Gelegenheit für die Au? Die Skepsis im Viertel den Plänen gegenüber war von Anfang an greifbar. Die Nockherberg-Gaststätte als Traditionslokal, die Paulaner Brauerei als Arbeitgeber: Die Nachbarn identifizieren sich stark mit diesem Ort. Viele fürchteten um die Identität ihres Stadtteils. Auf diese Skepsis haben die Landeshauptstadt und die Bayerische Hausbau als Investorin mit zweierlei reagiert: mit Transparenz und mit Beteiligung – und zwar in einem Ausmaß, das es in München bei einem Bauvorhaben so noch nicht gegeben hatte.

Noch bevor der städtebauliche und landschaftsplanerische Wettbewerb ausgelobt wurde, hatten die Bürger das Wort. Bei einer ersten Podiumsdiskussion im Oktober 2012 formulierten sie Wünsche für die Entwicklung des 90.000 Quadratmeter großen Geländes. Zwölf internationale Architekturbüros wurden schließlich zu dem Wettbewerb eingeladen und bekamen die ersten Anregungen der Bürger mit auf den Weg. Der folgende städtebauliche und landschaftsplanerische Wettbewerb war zweistufig konzipiert: Nach der ersten Stufe wählte eine Jury Preisgruppen für die drei Teilgebiete am Nockherberg aus; jeweils vier bis fünf Entwürfe wurden den Bürgern vorgestellt. Und zwar von den  Architekten selbst, die Anonymität im Verfahren wurde – anders als üblich – aufgehoben, sodass die Teilnehmer ihre Arbeiten selbst erklären konnten.

Zentrale Veranstaltung zur Mitte des Wettbewerbsverfahrens war ein Workshop, organisiert von Bayerischer Hausbau und Planungsreferat. Einen Samstag lang wurde im Sommer 2013 in der Turnhalle der Schule am Mariahilfplatz lebhaft diskutiert. Ziel war es, detailliert über die 14 in den Preisgruppen ausgewählten Wettbewerbsbeiträge zu informieren, lokales Wissen und Erfahrungen einzubringen, die Planungsbüros kennenzulernen und gemeinsam Anregungen und Empfehlungen für die Weiterbearbeitung in der zweiten Wettbewerbsphase zu erarbeiten. Die Nachbarn beschäftigten sich stundenlang mit den Entwürfen und wurden eingeladen, Kommentare zu den Entwürfen abzugeben und Punkte zu nennen, die ihnen für einen Überarbeitung besonders wichtig erscheinen, sowie Lösungsvorschläge einzubringen. Diese waren mannigfaltig: Sie forderten zum Beispiel bezüglich der Baustruktur und Dichte eine Einpassung in die städtebauliche Strukturen der Umgebung durch eher kleinteilige Blockstrukturen und Bebauung; Flachdächer sollten besser genutzt werden, etwa als Dachgärten; bei der Bewertung des Städtebaus sollte insbesondere auf die Qualität der Erdgeschosszone entlang der Straßen geachtet werden. Auch der Anschluss der neuen Bebauung entlang der Hochstraße, Sichtachsen, die Einbindung der Paulaner Gaststätte sowie die Kreuzung der Reger- mit der Welfenstraße waren Themen.

Die Architekten bekamen sofort Feedback, eine Zusammenfassung der Ergebnisse des langen Nachmittags floss schließlich in die Überarbeitungsphase ein. Peter Müller, damals Projektleiter am Nockherberg und heute Geschäftsführer der Bayerischen Hausbau, sagt: „Das hohe Niveau der Diskussion sowie die Kompetenz und Fairness in der Beurteilung waren beeindruckend.“

Schließlich wählte die Fachjury die drei Sieger aus, dieses Ergebnis wurde im Rahmen einer weiteren Podiumsveranstaltung der Nachbarschaft präsentiert. Begleitet wurde diese Projektphase von Ausstellungen und Führungen. Allein 15 Termine haben die Projektbeteiligten insgesamt im Laufe des Wettbewerbsverfahrens organisiert – von einer Bürgerversammlung für den Bezirk Au-Haidhausen am 3. Februar 2011 bis zur Ausstellung der Wettbewerbsergebnisse vom 18. Juni bis zum 17. Juli 2013. Während des anschließenden Bebauungsplanverfahrens – eigentlich eine Phase des eher stillen Vor-sich-hin-Arbeitens – informierte die Bayerische Hausbau jährlich über den aktuellen Planungsstand. Sie tut es bis heute: Zuletzt wurde im November 2018, da standen längst die ersten Rohbauten an der Welfenstraße, detailliert über die Fassadengestaltung der zukünftigen Gebäude an der Regerstraße informiert.

Die nächste Veranstaltung ist schon geplant. Viel Aufwand also im Namen der Transparenz und Beteiligung. Aber hat es sich gelohnt? Fest steht: Das neue Quartier am Nockherberg würde ohne die Ideen und Anregungen der Bürger anders aussehen. An der Isarhangkante zum Beispiel wurde auf Hochhäuser verzichtet; geförderter Wohnungsbau wurde auf alle drei Teilareale verteilt; der kleinteilige Charakter der Nachbarschaft wird durch eine differenzierte Fassadengestaltung aufgenommen; Abwechslung entsteht auch dadurch, dass pro Teilgebiet mehrere Architekten mitarbeiten.

„Die Ergebnisse der Beteiligung der Bürgerschaft zeigen, dass sich die intensive Zusammenarbeit von Stadt, Politik und Verwaltung, Eigentümerin und interessierter Bürgerschaft durchweg gelohnt hat“, sagte vor einigen Jahren die Münchner Stadtbaurätin Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk.  Die Ziele von Bauherrin und Landeshauptstadt wurden also erreicht: Die Bürger wurden frühzeitig eingebunden, die Bedürfnisse und Probleme identifiziert – und es konnte rechtzeitig darauf reagiert werden. Und: Das aufwendige Verfahren hatte Modellcharakter. Stadtbaurätin Merk sagte: „Mit seiner Breite und Transparenz ist das Wettbewerbs- und Beteiligungsverfahren zum Paulaner-Areal ein Positivbeispiel, das als Vorbild für ähnlich prominente Entwicklungen in München wirken sollte!“

Kurz darauf hat die Landeshauptstadt das Verfahren bereits im Rahmen der Planung für den neuen Stadtteil Freiham durchgeführt. Und so gibt es heute kaum ein Bauprojekt in München und darüber hinaus, das auf eine intensive Bürgerbeteiligung verzichtet. Auch der Architektur hat die Beteiligung nicht geschadet – anders als zum Beispiel die Architektenkammer befürchtete. Wo heute Beton gemischt wird und die Kräne Stahl bewegen, entstehen – das geben sogar die größten Kritiker zu – individuelle und hochwertige Gebäude; eine neue Nachbarschaft also, an der hunderte Bürgerinnen und Bürger teilgenommen haben.