Reportage

Ein Dorf in Italien

Die Wohnsiedlung am Hang in Kaltern, Südtirol, reiht sich aus der Ferne betrachtet nahtlos in die bestehende Struktur des Dorfes aus Einfamilienhäusern und Reihenhäusern – Maßstab, Dachform und Fassadenstruktur orientieren sich an bestehenden Gebäuden – ein. Erst vor Ort und bei näherem Hinsehen erkennt man: Die acht Einheiten mit insgesamt 25 Wohnungen sind alle durch ein Sockelgeschoss, das teils im Hang verborgen ist, miteinander verbunden.

Dort befindet sich im Keller auch die Tiefgarage für alle Einheiten. Die Wege in der Anlage – das Herz bildet eine breite mittige Spielstraße – sind alle autobefreit und werden von den Bewohnern gemeinschaftlich genutzt: zum Spielen, Plaudern, Wäschetrocknen und zu vielem mehr. In Südtirol wurde im ländlichen Raum ein Projekt mit besonders hoher Partizipation umgesetzt. Auch um den Wunsch nach gemeinschaftlichem Wohnen mit individuellen Freiräumen und Grundrissen nachzukommen.

Eine Idee, die nicht nur im ländlichen Raum Anklang findet. 2010 wurde das Projekt „Gartenweg“ fertiggestellt, ein genossenschaftliches Bauprojekt mit insgesamt 25 Wohneinheiten auf 5.173 Quadratmeter Grundstücksfläche. feld72 Architekten gewannen 2008 einen kleinen Einladungswettbewerb für den Bebauungsplan. Auslober war die Gemeinde Kaltern, Bauherr eine Genossenschaft. Peter Zoderer, Geschäftsführer feld72 Architekten: „Unser Ziel war eine Architektur, die vertraut, einfach und überschaubar wirkt. Dennoch soll sie im Gebrauch und in der Bewegung durch den Raum ihre Komplexität und Überraschungen entfalten können. Natur und Architektur gehen also an bestimmten Stellen nahtlos ineinander über, Ordnung wird zu gewachsener Struktur und umgekehrt. Die Wohnanlage mit 25 Einheiten nimmt verschiedene Muster älterer Agglomerationen in Kaltern auf und interpretiert diese in einem partizipativen Planungsprozess zu einem zeitgemäßen, neuen Siedlungsbaustein.

Anders als bei bestehenden Reihenhaustypologien haben wir versucht, den Mehrwert gemeinschaftlich genutzter (Frei-)Räume für die Bewohner in den Planungsprozess zu spülen. Das Herz der Anlage sollte eine Wohn- und Spielstraße werden.“ Zoderer hat es mit diesem Ansatz geschafft, die Genossenschaft  trotz anfänglicher Skepsis davon zu überzeugen, 50 Prozent der Freiflächen zu gemeinschaftlich genutzten Flächen für alle Bewohner zu machen: „Letztlich mussten wir nicht viel Überzeugungsarbeit leisten, waren es doch die bekannten Qualitäten aus noch funktionierenden dörflichen Strukturen wie Kaltern selbst, die wir wieder einführen wollten. Robuste Freiräume mit hohem Alltagswert, Verhandlungsräume, in denen öffentliches Leben stattfinden kann.“

Mehrere Planungsgespräche

Bis dahin war es ein intensiver Weg, der sich – da ist sich Peter Zoderer mit Anna Maria Ramoser, damalige Ombudsfrau und gleichzeitig auch noch heute Bewohnerin und Eigentümerin einer der Wohneinheiten, einig – aber eindeutig gelohnt hat: „Die Einbindung und Beteiligung der Bewohner war eine große Herausforderung und eine gute Investition, die sich ausgezahlt hat“, so Ramoser. Nachdem die zukünftigen Bewohner der Wohnanlage mittels einer Rangliste ermittelt worden waren – in Italien werden junge Familien besonders gefördert, was sich auch in der Bewohnerschaft widerspiegelt –, begann ein umfassender Beteiligungsprozess: So gab es für die individuellen Wohnungen für jeden zukünftigen Bewohner vier bis fünf Planungsgespräche zusammen mit dem Architekturbüro, wobei sich ein Planungsgespräch als Workshop über mehrere Tage erstreckt hat. Dazu kamen mehrere Vollversammlungen, bei denen über alle strategischen Fragen zu den gemeinschaftlich genutzten Flächen entschieden wurde. Detailentscheidungen übernahm der Vorstand der Genossenschaft.

Architekt Zoderer und Ombudsfrau Ramoser sind sich einig, dass die Gespräche stets auf Augenhöhe stattfanden. Nicht veränderbar waren lediglich Versorgungsschächte und tragende Strukturen. Es gab einfache Spielregeln, welche Typologie ein Fenster in einem bestimmen Abschnitt haben sollte, aber man konnte es vergrößern oder verschieben. Herausgekommen sind 25 individuelle Wohnungen zwischen 80 und 110 Quadratmetern, um allen Wünschen gerecht zu werden, mit verschachtelten, tetrisartigen Grundrissen mit Rundumblick. Wie wirkt sich eine derart intensive Beteiligung auf die Kosten aus? „Mit Grundstück, das in Südtirol extrem teuer ist, lag die Kostenvorgabe bei 2.600 Euro pro Quadratmeter. Wir haben das letztendlich für 2.200 Euro gemacht. So kostete zum Beispiel eine der größten Wohnungen über zwei Geschosse, mit Garage, Keller, Terrasse und Panoramablick knapp 340.000 Euro. Auf dem freien Markt würde man das Doppelte bezahlen“, so Zoderer. Nicht mehr bedacht wurde jedoch – auch auf Wunsch der Bewohner, um die Kosten zu deckeln – Barrierefreiheit im Alter. Die gesamte Anlage besitzt keinen Aufzug.

Gasherde und Vordächer

Eine echte Besonderheit stellt die autofreie Zone in der eher ländlichen Region dar: Normalerweise wird hier direkt vor der Haustür geparkt. Diese wird aber laut Ramoser sehr gut angenommen. Nur selten verirrt sich doch ein PKW zum Ausladen in die Spielstraße. Sie ist vielmehr zum gemeinsamen Wohnzimmer der Bewohner geworden.

Nur bei manchen Punkten ärgert sich Ramoser im Nachhinein, dass sie nicht auf ihren Wünschen bestanden hat: Gasherden oder mehr Vordächern zum Wäschetrocknen beispielsweise. Trotzdem würde sie die intensive Beteiligung vorab ganz klar auch anderen Genossenschaften empfehlen. Beweis hierfür ist auch, dass es in den letzten zehn Jahren kaum Bewohnerwechsel gab. Vorzeigeprojekt, bei dem ungefragt fremde Besucher auf den Gemeinschaftsflächen der Anwohner stehen, soll die Anlage jedoch trotzdem nicht sein.

Fachwissen sichtbar gemacht

Für Zoderer, dessen Architekturbüro bereits zahlreiche andere partizipative Projekte mitentwickelt hat, steht fest: „Das Wichtigste ist, die Rollen vorab klar zu definieren. Wir haben unsere eigene Werkzeuge entwickelt. Den Bebauungsplan haben wir vorgegeben, sobald es in die eigenen vier Wände ging, gab es nur noch die Regel, dass Installationsschächte bleiben, wo sie sind.“ Und was nimmt Peter Zoderer aus diesem Beteiligungsprozess, der doch einen sehr geschlossenen Kreis von Mitwirkenden hat, mit für innerstädtische, komplexe Projekte? „Das war damals unser erstes Baugruppenprojekt. Was wir vor allem gelernt haben, ist, das Wissen – und damit meine ich auch das Fachwissen – aller Beteiligten sichtbar und nutzbar zu machen. Dazu muss enormes Vertrauen aufgebaut werden. Wir haben das vor allem durch viel Geduld in der Kommunikation und klare Spielregeln im Planungsprozess aufgebaut.“