Wie Widerstand entsteht

Die Gründe, warum sich Bürger in Initiativen zusammenfinden und für bestimmte Interessen kämpfen, sind so vielfältig, wie es das Zusammenleben ist. Wir haben bei den Leitern zweier bekannter Münchner Bewegungen nachgefragt, was sie bewegt – und wie sie die Stadt bewegen.

Maximilian Heisler

Seit nunmehr zehn Jahren führt Maximilian Heisler als 1. Vorsitzender des Bündnisses Bezahlbares Wohnen immer wieder Interessierte durch sein Heimatviertel Untergiesing. „Gentrifidingsbums“ nennt er seine Stadtteilführung, die vorbei an verfallenen Häusern, luxusmodernisierten Altbauten und den eher schnöden Neubauten führt.

„Bei der Ausspekuliert-Demo, die wir als Bündnis Bezahlbares Wohnen im vergangenen September mitorganisiert haben, liefen geschätzt 11.000 Menschen durch die Innenstadt, um gegen soziale Ausgrenzung und für bezahlbaren Wohnraum zu protestieren. Doch das breite Engagement ebbte schnell wieder ab. Da kann die Frage schon aufkommen, ob es vermeintlich Wichtigeres zu tun gibt, als sich um die eigenen vier Wände zu kümmern. Wir müssen aufpassen, dass wir uns das Thema nicht wegnehmen lassen: Denn wir brauchen keine radikalen Nacht-und-Nebel- Aktionen von Einzelnen, sondern einen demokratischen Austausch der Vielen bei Tageslicht. Dabei sind gerade die Vertreter aus der Immobilienwirtschaft gefragt, einen offenen Dialog zu gestalten, der auch Ergebnisse abseits der bekannten Hochglanzbroschüren erzeugt. Seitens der Politik gibt es beim konstruktiven Austausch der unterschiedlichen Player am Immobilienmarkt erhebliches Verbesserungspotenzial. Hierfür lässt sich beispielhaft auf die größeren Leerstände von städtischen Immobilien vergangener Tage verweisen. Von einer zahnlosen Erhaltungssatzung über Modernisierungen gemäß § 559 BGB bis hin zur Frage, wie das schlichtweg nicht vermehrbare Gut Grund und Boden der Spekulation entzogen werden kann, gibt es viele Hausaufgaben.

Bei meinen Stadtführungen durch Untergiesing kommen wir inzwischen an 44 Design- und Architekturbüros vorbei. Die alte Backstube, der Schuster, die Kutscherhäuschen von 1840 – alles weg. Verdrängung darf aber nichts Selbstverständliches sein. Um dem entgegenzuwirken, müssen meiner Meinung nach alle an einen Tisch, um festgefahrene Bilder zu dekonstruieren: Mietnomaden, die Wohnungen runterrocken, gierige Eigentümer, schmierige Spekulanten – das stimmt in den wenigsten Fällen. Wir müssen die wichtigen Fragen in den Mittelpunkt stellen: Was macht eine lebenswerte Stadt aus? Wie viel Ungleichheit und wie viel Gleichheit halten wir aus? Wie viel Wachstum verträgt München noch und welche Art davon? Das Motto unseres Vereins lautet: Kommunikation statt Konfrontation.

Dass das funktionieren kann, weiß ich aus eigener Erfahrung. Als in meiner Wohnanlage die Miete um drei Euro pro Quadratmeter steigen sollte, war das für viele schier unbezahlbar. Nach neun Monaten harter, aber fairer Verhandlungen haben wir mit dem Vermieter, einer der größten Wohnungsgesellschaften in München, einen Kompromiss gefunden.“

Benjamin David

Benjamin David ist Gründer der urbanauten, die sich als Denkfabrik und Stadtlabor verstehen. Die urbanauten organisieren öffentliche Debatten, Kunst- und Kulturprojekte, betreiben Stadtforschung und entwickeln Stadtkonzepte für und in öffentlichen Räumen.

„Ursprünglich sind wir entstanden als interdisziplinärer, studentischer Debattierclub für öffentliche Räume. Heute beschäftigen wir uns zusätzlich mit bezahlbarem Wohnraum, kreativer Stadtentwicklung und gesunden Stadtfinanzen. Hinsiwnhagen ist doppelt, Barcelona viermal und Paris sechsmal so dicht bebaut. Alles tolle Städte mit hoher Lebensqualität. Das Geheimnis dieser Städte ist der gute öffentliche Raum, in den alle Akteure auch viel mehr Geld als München stecken. Der öffentliche Raum ist der ‚Kitt der Gesellschaft‘, wie es meine Kollegin Ulrike Bührlen mal sehr schön formuliert hat. Davon brauchen wir in München, gerade in Zeiten, in denen die Stadt um 20.000 bis 30.000 Einwohner pro Jahr wächst, viel mehr. Wenn man sich die städtischen Finanzen ansieht, wäre hier sehr viel möglich. Hier sollte die politische Debatte viel transparenter geführt werden.

Genauso sind wir der Meinung, dass es viel mehr bezahlbaren Wohnraum in München geben muss. Schließlich zieht jeder Münchner im Durchschnitt alle sieben Jahre um. Spätestens dann braucht er bezahlbaren Wohnraum. Dies ist vor allem eine Frage von Neubau auf öffentlichen Grundstücken. Beispielsweise bieten sich die Überreste der autogerechten Stadt hierfür an. Die Wohnungen müssen entweder von der Stadt selbst oder von Privaten gebaut werden – dann aber unter strengen Auflagen, was die Menge an bezahlbarem Wohnraum betrifft. Leider haben in den letzten Jahren immer mehr Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen verloren, dass aus neuem Wohnraum auch tatsächlich bezahlbarer Wohnraum wird. Als Folge daraus entsteht Widerstand, der sich jedoch oft nur lokal artikuliert. Das hat aber nicht viel mit echten Mehrheiten in unserer Demokratie zu tun. Ich denke, in München sollte sich die Bürgerbeteiligung zügig zu einer ‚Bürgermitverantwortung‘ weiterentwickeln. Damit sich das realisieren lässt, sollten Politik und Verwaltung, aber auch die Immobilienwirtschaft mutiger sein.“