Fachgespräch 2018 - Das Transkript

Die Teilnehmer

Urbanität zwischen Wachstum und Erneuerung

München boomt ungebrochen. Doch wie lässt sich urbane Lebensqualität ausbauen und gleichzeitig ausreichend bezahlbarer Wohnraum für immer mehr Bewohner schaffen? Kann die Stadt ihren bisherigen Strategien folgen oder muss sie sich neu erfinden?

 

Dr. Manfred Probst: Herr Büllesbach, zunächst eine Frage an Sie als Veranstalter dieses sechsten Fachgespräches hier in München: Was hat Sie bewogen, beim Titel nach der ersten Zeile das Fragezeichen und nach der zweiten – „Neue Urbanität für München!“ – das Ausrufezeichen zu setzen? Warum braucht München eine neue Urbanität?

Dr. Jürgen Büllesbach: Der Prozess der Urbanisierung schreitet unaufhaltsam weiter fort. Der Städtebau muss darauf angemessen reagieren, mit einer neuen Form von Urbanität. Nur, wie soll diese aussehen? Wollen wir Siedlungen bauen oder Städte bauen? Wie gehen wir mit dem Thema Dichte um? Ich glaube, dass Dichte etwas ist, was Urbanität wesentlich ausmacht. In München diskutieren wir außerdem viel über das Thema Höhe. Vor allem aber geht es um die Architektur der Fassaden, die städtebauliche Vielfalt und nicht zuletzt die Durchmischung. Urbanität wächst durch Nutzungsmischung, Urbanität wächst aber auch durch die soziale Mischung. Aber Urbanität muss Lärm zulassen, Urbanität muss Verkehr zulassen, Urbanität muss Stadt zulassen.

Vielleicht braucht es dazu eben eine Art „Wiedergeburt“ der Idee der Stadt als gemeinschaftlicher Lebensraum: Wir befinden uns in einer Gesellschaft, in der das Recht des Einzelnen Vorrang gegenüber dem Gemeinwohl besitzt. Und vielleicht hat das dazu geführt, dass uns allen – der Verwaltung, der Politik, aber auch uns Investoren – manchmal der Mut fehlt,wirklich neue Wege zu gehen.

Dr. Manfred Probst: Die Stadt München steht ja wirklich vor großen Herausforderungen: Wir erleben ein immenses Wachstum, wir erwarten bis 2030 etwa 200.000 neue Mitbürgerinnen und Mitbürger. Gleichzeitig schießen die Boden- und Hauspreise immer weiter nach oben. Und wir haben eine Bevölkerung, die zumindest teilweise an diesem Wachstum nicht sehr interessiert ist und deren Stimmung sich gegen Nachverdichtungen wendet. Und dann erleben wir harsche Kritik an der Architektur und am Städtebau in München. Kritik, die in meinen Augen nicht besonders fundiert ist und die mit Schlagworten wie „Uniformität“ und „Einheitsbrei“ verbunden ist. Aber natürlich müssen wir uns damit auch auseinandersetzen. Eine historische Frage, liebe Frau Wolfrum: Wieso hat sich der Städtebau in die Richtung entwickelt, die wir heute sehen? Warum bauen wir Zeilen und Punkthäuser statt lebendiger Stadtquartiere? Warum ist das so gekommen?

Prof. Sophie Wolfrum: Man muss sich klarmachen, dass früher in den heute so beliebten Gründerzeitvierteln ganz andere Wohndichten herrschten als heute. Da haben die Leute zum Teil ihre Betten tagsüber an einen oder mehrere Schlafgänger, meist Schichtarbeiter, vermietet, um die Wohnung zu finanzieren. Das Wohnen auf engem Raum und mit wenig Licht hat auch zu Krankheiten geführt, wie etwa Rachitis.

Das neue Bauen, das Bauen der Moderne, hat dann den Reiz gehabt, dass Sonne in die Wohnungen kam, dass die Wohnungen durch den Baukörper durchgesteckt wurden, so dass sie von beiden Seiten Tageslicht bekamen und gelüftet werden konnten. In der Folge hat man aus diesem Geist heraus eine Baugesetzgebung generiert, die im Wesentlichen auf Sonne und Abstände zielt und nicht auf Lebendigkeit, Durchmischung und Vielfalt. Hier müssen wir im Grunde eine Kehrtwendung machen und uns wieder mehr auf die Gestaltung des Stadtraums konzentrieren. Und meine große Hoffnung ist, dass wir mit der neuen Baugesetzgebung auch rechtlich wieder in der Lage sind, das Urbane Gebiet dicht genug und mischgenutzt zu bebauen.

Dr. Manfred Probst: Jetzt frage ich die Stadtbaurätin: Bekommen wir diese Wende in München hin?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Ja, wenn die entscheidenden Player „Ja“ sagen, dann schaffen wir das auch. Das Problem der letzten dreißig Jahre ist in vielen Gebieten, dass es nicht gelungen ist, aus den einzelnen Komponenten wirklich schlüssige Bilder zu entwickeln. Und das liegt zum Teil an den Baugesetzgebungsrichtlinien und Standards. Da stimme ich Frau Wolfrum zu, dass wir diese jetzt strenger in die Pflicht nehmen müssen.

Es existieren aber noch drei andere Faktoren, die auch aus dieser historischen Entwicklung stammen. Der eine ist die große Freiheit, die wir dem Markt zubilligen. Die meisten Bauherren wollen eher gerade Linien ohne Schnörkel, es soll alles funktional, homogen und praktisch umzusetzen sein. Das Gleiche gilt für Ecken, die ja städtebaulich erwünscht wären, weil sie Perspektiven räumlich abschließen und weil sie in der Lage sind, Plätze zu bilden. Aber Ecken, das hören wir ganz oft, sind unkommod beim Bauen, also werden sie weggelassen.

Und das Dritte ist eine Auffassung, die sich durch unsere ganzen Gesetzeswerke zieht, nämlich, dass es eigentlich kein Vorn und Hinten geben soll und kein Oben und Unten, sondern es soll ein „Alles gleich“ geben. Und das ist eine demokratische Haltung, die zwar gesellschaftlich und sozial absolut begründet ist, aber die sich nicht eins zu eins auf das Bauen übertragen lässt. Im Sinne der Durchmischung wäre diese Varianz absolut wünschenswert und mit guter Architektur auch machbar, ohne dass man zwischen einem repräsentativen Teil und der „Dienstbotenkammer“ unterscheiden müsste. Also ja, ich sehe da auf jeden Fall Chancen. Man muss es nur wollen, und vor allen Dingen muss man diesen Weg dann auch durchhalten und darf nicht vor jedem Hindernis einknicken.

Dr. Manfred Probst: Herr Ziller, Sie sind praktizierender Architekt. Wie sehen Sie aus Ihrer Praxis heraus die gesamte Problematik?

Michael Ziller: Es ist ja schon angeklungen, dass Architektur und Städtebau zwei Facetten der gleichen Disziplin sind, die wir im Büro gemeinsam betrachten. Architektur im Stadtplanungskontext bedeutet zum Beispiel, dass die Architektur des Einzelhauses vom gesamtstädtischen Zusammenhang abhängig ist. Dadurch wird das Alltägliche wieder wichtig, also die Frage, wie wir Innenraum und Außenraum miteinander verknüpfen und den Raum zwischen den Häusern gestalten – im Sinne eines Quartiers. Und ich glaube, dass Architektur und Stadtplanung sowohl in der Lehre als auch in der Diskussion wieder stärker zusammenrücken sollten. Insofern würde ich jeden Politiker gerne mal zu einem Praktikum bei uns einladen ...

Dr. Manfred Probst: Das ist die perfekte Überleitung zu einer Frage an den Investor. Herr Büllesbach, wie sehen Sie denn insgesamt auf der Investorenseite die Perspektiven? Würden Sie sagen, dass Ihr Unternehmen dabei ist, wieder zu mehr lebendiger Architektur in der Stadt zurückzufinden?

Dr. Jürgen Büllesbach: Ich glaube schon, dass wir sehr viel dafür tun und an vielen Stellen zeigen, dass wir uns nicht nur dem reinen Renditegedanken verschrieben haben. Es war ein wichtiger erster Schritt, mit dem „Urbanen Gebiet" (§ 6a BauNVO, Anm. d. Red.) ein eigenes Modul in der Baunutzungsverordnung zu schaffen, um überhaupt Durchmischung wieder zuzulassen. Es ist schon ganz, ganz wichtig, die Rahmenbedingungen, die wir haben, genau zu analysieren und auf einen vernünftigen Stand zu bringen. Wir wollen eine Durchmischung, also müssen wir auch die Voraussetzungen dafür schaffen.

Frau Merk, Sie hatten die unkommoden Ecken angesprochen. Die unkommoden Ecken sind für uns deswegen so besonders unkommod, weil sie nach EnEV die wärmeübertragende Umfassungsfläche vergrößern und wir den EnEV-Nachweis kaum mehr hinbekommen, wenn wir zu viele Ecken machen. Und so kommt das eine zum anderen.

Ich glaube, es gibt viele Punkte, an denen man ansetzen könnte, die in den letzten Jahren vielleicht gut gedacht waren, aber die dann immer weitergetrieben wurden, so weit, dass sie nicht mehr funktionieren oder nicht mehr umsetzbar sind. Und da müssen wir zu einem gesunden Maß zurückfinden. Die EnEV 2009 zum Beispiel war die beste, die wir je hatten.

Es hat Jahre gedauert, bis die Gebietskategorie „Urbanes Gebiet“ 2017 kam. Sie ist noch nicht perfekt, weil die TA Lärm (Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm, Anm. d. Red.) noch nicht ganz mitgezogen hat, aber da muss man dranbleiben. Es hilft nichts, zu lamentieren. Wir müssen einfach weiter daran arbeiten.