Nachgefragt

Gemeinsam stark

Neue Quartiere brauchen nicht nur einen guten Anschluss an den Verkehr, spannende Architektur und Nahversorgung, sondern auch eine soziale Infrastruktur. Wir haben bei denjenigen Bewohnern in neu entstandenen Quartieren nachgefragt, denen dieses Thema am Herzen liegt.

Rosa Kraus
Die Stadtteilmanagerin begleitet die städtebaulichen Sanierungsmaßnahmen in den Siedlungen Neuaubing und Am Westkreuz mit den Schwerpunktthemen Grünflächen, Soziales und Kultur und unterstützt die lokalen Akteure bei der Umsetzung eigener Projektideen für ihren Stadtteil.

„Seit dem Beginn des Baus der beiden Siedlungen Am Westkreuz und Neuaubing-West in den siebziger Jahren ist der Stadtteil stark gewachsen. Dabei wechseln sich Großwohnsiedlungen mit nahezu dörflichen Wohnsiedlungen ab. Im Stadtteilmanagement sind wir die Nahtstelle zwischen Bürgern, lokalen Akteuren und der städtischen Verwaltung. Einen lebenswerten Stadtteil macht für mich vor allem das Leben auf der Straße aus: wenn sich ein Eigenleben entwickelt zwischen den Räumen, Institutionen und fixen Einrichtungen. Das kann sich in Straßenfesten, Nachbarschaftstreffs oder im ehrenamtlichen Engagement widerspiegeln. Wir möchten Menschen aus dem ganzen Viertel zusammenbringen, die in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und ihrem alltäglichen Leben vielleicht nicht unbedingt miteinander zu tun haben. Da ist dann beispielsweise am Tag der Städtebauförderung schon mal der Trachtenverein gemeinsam mit der Hip-Hop-Gruppe auf der Bühne aufgetreten.

Mit den Vereinen, Gewerbetreibenden und vielen engagierten Bürgern haben wir 2017 erstmals ein Straßenfest veranstaltet, das weit über Bierausschank und Bühnenprogramm hinausging. Das Straßenfest sorgte für ein Aha-Erlebnis im ganzen Stadtviertel. Zum einen hat das Fest den Bürgerngezeigt, was ihr Viertel so alles zu bieten hat, zum anderen hat sich durch neu entstandene Kooperationen und Verbindungen ein starkes Netzwerk gebildet.

Um frühzeitig den neuen Stadtteil Freiham in die Stadtteilentwicklung im Münchner Westen einzubinden und Grenzen zwischen Neuem und Bekanntem erst gar nicht entstehen zu lassen, haben wir in Kooperation mit einem externen Büro für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung die Idee des Freiluftsupermarkts Freiham, der Freiluftbox Westkreuz und des Freiluftmobils entwickelt. Garteln verbindet unterschiedliche Ziel- und Altersgruppen, ob auf den Äckern in Freiham oder mit der mobilen Gartl-Einheit überall in Neuaubing-Westkreuz. Gleichzeitig können in der Freiluftbox, einem umgebauten Seecontainer, Lebensmittel und Produkte von den Landwirten aus der Umgebung angeboten werden. Die Freiluftbox bietet nicht nur die Möglichkeit, sich über die Produktion der Lebensmittel zu informieren – sondern sie ist auch eine tolle Begegnungsstätte, in der die Menschen miteinander ins Gespräch kommen.“

Carmen Dullinger-Oßwald
Die Vorsitzende des Bezirksausschusses Obergiesing-Fasangarten hat die Entwicklung des ehemaligen Agfa-Geländes zum Quartier mit 950 Wohnungen politisch begleitet.

„Müsste ich heute in ein Neubaugebiet ziehen, wäre mir wohl die Vielfalt am wichtigsten.
Es dürfte kein abgeschlossener Kosmos sein, das Quartier müsste sich an die schon
erschlossene Umgebung anpassen. Die Wege müssten automatisch durch das Neubaugebiet
führen, offen sein nach allen Richtungen. Ich möchte gerne den Bioladen neben
dem Supermarkt haben, die Kindertagesstätte neben dem Sportplatz für Jugendliche,
den Gemeinschaftsraum neben dem Pizzabäcker; unterschiedliche Anbindungen, damit
ich flexibel handeln kann, sollte zum Beispiel die U- oder S-Bahn ausfallen. Ein durchdachtes
Verkehrs- und Wegenetz ist dafür notwendig.

Es wäre mir auch sehr wichtig, genügend öffentlichen Raum zu haben, um mit meinen
neuen Nachbarn ins Gespräch zu kommen, gemeinsam Feste zu feiern und sich dadurch
kennen zu lernen. Viele dieser Aspekte sind auf unserem neuen Agfa-Gelände verwirklicht,
auch dank des breiten Planungs- und Beteiligungsprozesses. Dort, wo zu Agfa-
Zeiten der firmeneigene, für alle Bürger zugängliche Sportplatz sowie der letzte Bolzplatz
Obergiesings war, können heute Kinder und Erwachsene das neue Spielband und die
große neue Wiese für raumgreifende Sportarten wie Federball, Frisbee und Drachensteigen,
nutzen. Dieses Aktivitätenareal verbindet sich auch mit dem Weißensee-Park, das
große Agfa-Neubaugebiet bedient das umliegende Giesing mit. Und jetzt, nach fast zehn
Jahren Planung und Umsetzung, kann ich sagen, dass wir alle unser Bestes gegeben
haben. Uns ist gelungen, ein neues Stück Obergiesing zu schaffen.“

Heidrun Rose
Der ehrenamtlichen Vorstandsvorsitzenden des TV Riem-Dornach e.V. ist es wichtig, dass jeder im Stadtteil am Vereinsleben teilhaben kann.

„Damit sich die Menschen in einem Neubaugebiet wohlfühlen, braucht es neben einer guten sozialen Durchmischung und ausreichenden Einkaufsmöglichkeiten auch ein attraktives Freizeitangebot. Der TV Riem-Dornach hat sich seit seiner Gründung 1966 als wichtige Freizeitinstitution etabliert. Mit Entstehung der Messestadt Riem Mitte der neunziger Jahre ist unsere Mitgliedszahl stetig gewachsen – auf derzeit fast 2.000 Mitglieder.

Da die Menschen, die neu ins Stadtgebiet ziehen, bis heute unsere Angebote sehr gerne wahrnehmen, wachsen wir praktisch mit jedem neuen Bauabschnitt. Wir haben im Laufe der Zeit immer mehr Belegungszeiten von der Stadt München erhalten, damit wir unser Angebot ausweiten konnten. Das reicht von Fitnessgymnastik, Kinderturnen, Pilates und Zumba über Fußball, Basketball und Volleyball bis hin zur japanischen Kampfkunst Nanbudo. Wie sehr die Menschen im Viertel die Vielfalt und den Standort schätzen, hat sich insbesondere dann gezeigt, wenn wir zum Beispiel aufgrund von Sanierungsarbeiten an der Turnhalle unser Programmangebot zeitweise einschränken und auf andere Einrichtungen ausweichen mussten. Das haben unsere Mitglieder immer sehr bedauert, sie sind uns aber dennoch immer treu geblieben.

Der TV Riem-Dornach ist ein reiner Breitensportverein ohne Ligabetrieb und Leistungsdruck. Uns ist es sehr wichtig, einen Beitrag zur Gesunderhaltung der Menschen in unserem Viertel zu leisten – für den Zweijährigen genauso wie für den Achtzigjährigen. Darüber hinaus leisten wir einen wichtigen Integrationsbeitrag. In unseren Eltern-Kind-Stunden bringen wir alle Nationen zusammen und es kommt zu einem regen Austausch. Freundschaften werden geschlossen und Eltern und Kinder verbringen eine schöne Zeit zusammen. Es werden aber auch Regeln und Werte vermittelt. Der Verein trägt sich finanziell über die Mitgliedsbeiträge und Zuschüsse von Land und Stadt, ohne ehrenamtliches Engagement würde es ihn aber nicht geben. Wir können daher auch einen sehr niedrigen Mitgliedsbeitrag anbieten.“