"Grundlage allen Denkens muss der städtische Raum sein."

Impulsvortrag zum Fachgespräch von Prof. Christoph Mäckler

Wenn wir über die Wiedergeburt der Stadt sprechen, so muss am Beginn vorausgeschickt werden: es gibt keinen Städtebau ohne Architektur! Das klingt zunächst einmal sehr selbstverständlich, sehr banal. Das ist es aber nicht. Wenn wir heute über Planung reden, vergessen wir meistens, dass alle großen Städtebauer Architekten waren. Josef Stübben, Theodor Fischer oder Fritz Schumacher stehen beispielhaft für gelungene Stadträume, in denen wir uns noch heute, nach über 100 Jahren, wohlfühlen.

Während Nutzungsmischung und Dichte in der Fachwelt mittlerweile für die Planung eines neuen Quartiers grundlegend sind, findet der architektonisch-städtebauliche Teil der Planung, also der Entwurf des öffentlichen Raumes, des Straßen- und Platzraumes, in Planerkreisen noch immer keine Anerkennung, oder ist zumindest umstritten. Und das, obwohl der öffentliche Raum der Stadt Gemeingut unserer Gesellschaft ist, in der sich jeder Mensch aufhalten kann. Der öffentliche Raum ist eine der größten Errungenschaften der europäischen Stadt.

Gehen wir durch die von Planern angepriesenen neuen Stadtviertel hinter den Bahnhöfen von Stuttgart, Zürich oder Frankfurt am Main, finden wir keine Stadträume mehr, sondern nur noch ungefasste Resträume. Es sind Resträume, die zwischen den neu errichteten Häusern erhalten bleiben und von Landschaftsplanern mit gepflasterten Wegen, Kinderspielgeräten, Bänken, Büschen und Bäumen gefüllt werden, damit sie gegenüber dem Bürger in ihrer räumlichen Belanglosigkeit noch irgendwie zur rechtfertigen sind. Privatwege müssen dort mit Schildern gekennzeichnet werden, denn für Passanten und Bewohner, die durch diese Viertel gehen, ist eine Unterscheidung zwischen öffentlich und privat nicht mehr ersichtlich. Und natürlich muss auch der Müll eingeschlossen werden, weil man ja gar nicht mehr weiß, ob man sich auf einem Privatgrundstück befindet oder im öffentlichen Raum.

Im Vergleich dazu hat die Bebauung der alten europäische Stadt, sie muss nur vormodern, also mehr als 100 Jahre alt sein, eine Lebensqualität, an die die heutigen Quartiere nicht im mindesten heranreichen und das liegt u.a. an der Unterscheidbarkeit von öffentlichen und privaten Räumen und an der Unterscheidbarkeit von Vorder- und Gebäuderückseite. Deutlich wird das an den Baublöcken unterschiedlichster Art, wie zum Beispiel am sogenannten „Bremer Block“, der 160 Meter lang und 35 Meter breit ist. Heute würde ein Stadtbaudezernent einen solchen Block für einen Bebauungsplan rigoros ausschließen. In Bremen aber ist das ein wunderbarer Straßenzug, in dem man gerne wohnt.

Und natürlich findet man diese Qualitäten auch bei einer offenen Bebauung, wie beispielsweise in Dresden-Striesen. Auch hier gibt es eine ganz klare Ordnung: Die Häuser liegen alle in einer Fluchtlinie, die Eckhäuser sind deutlich herausgearbeitet und im Inneren findet man kleine private Höfe.

Und dieses Innen und Außen hatte eine Bedeutung. Der Hof war ein Ort der sozialen Kontrolle, er wurde von den Menschen vereinnahmt. Bei einer Zeilenbebauung, die keine Höfe mehr zulässt, findet man das nicht mehr. Während der Hof früher ein geschützter Bereich war, in dem Kinder spielen konnte, sieht man heute nur noch eingezäunte Kinderspielplätze in Resträumen.  Könnte man sich nicht etwas Besseres in unserer Zeit vorstellen, in einer Zeit in der Time-Sharing, Homeoffice und Work-Life-Balance eine wichtige Rolle spielen, als einen Hof, in dem Kinder geschützt spielen können, während man oben in der Wohnung arbeitet? Das ist der Unterschied zwischen Zeile und Block.

Das Beispiel des Omnibus-Betriebshofs der BVG in Berlin von 1927 zeigt, dass ein Hof aber auch ganz anders genutzt werden kann. Die Anlage in Berlin umfasst neben dem eigentlichen Hof einen ihn umgebenden Wohnblock mit etwa 300 Wohnungen. Während das Carée eine Fläche von etwa 6,1 Hektar hat, nimmt der Betriebshof rund drei Viertel der Fläche ein. Ein Hof kann also auch gewerblich genutzt werden und das in ganz unterschiedlichen Dimensionen. Natürlich gibt es auch die Hinterhöfe, in denen Werkstätten, Agenturen oder kleine Geschäfte untergebracht sind.

Betrachtet man die Preisträger städtebaulicher Wettbewerbe der vergangenen Monate, sieht einer wie der andere aus, überall nur Zeilen. Der bekannte Stadtplaner Peter Zlonicky hat vor einigen Wochen hier in München zu mir gesagt, dass wir nur noch Zeilen planen können und er hat Recht, es sind nur Zeilen. Auch wenn wir so tun, als ob es Blöcke wären, sind es trotzdem keine Blöcke, weil Innen und Außen vermengt werden.

ZUR PERSON

Prof. Christoph Mäckler gründete 1981 sein
Büro für Architektur und Städtebau in
Frankfurt am Main, das heute als Mäckler
Architekten firmiert. Er erhielt für seine
Werke zahlreiche Auszeichnungen und ist
seit 1998 ordentlicher Professor für Städtebau
an der TU Dortmund. Gastprofessuren
hatte er in Neapel, an der TU Braunschweig
und an der Universität Hannover.
Seit 2008 ist er als Direktor und Begründer
des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst
Berater für zahlreiche Städte.

Heißt das jetzt aber, dass wir ins 19. Jahrhundert zurück müssen? Nein. Auch wenn die Berliner Höfe des 19. Jahrhunderts sehr bekannt sind, finden wir Hofhäuser auch in anderen Jahrhunderten, zum Beispiel im 14. Jahrhundert in Lübeck oder im 18. Jahrhundert in Dresden, wo man genauso gut in den Barockhöfen leben kann. Und auch heute gibt es das ein oder andere positive Beispiel für eine Hofbebauung, wie im beliebtesten Freiburger Stadtviertel, dem Stühlinger, wo in den Höfen gearbeitet wird. In einem Stadtviertel arbeiten und leben, Nutzungsmischung ist also auch in unserer Zeit planbar.

Wenn wir heute von Schönheit sprechen, so geht es in erster Linie um das, was wir in seinem Nichtvorhandensein als Hauptmangel der heutigen Stadtplanung ausmachen: um den architektonisch gefasste, gut proportionierten öffentlichen Raum, den Raum der Straße, der Gasse, der Allee, des städtischen Parks oder den von Häusern umstandenen Platzraum. Der Grundriss der städtischen Straße formt den öffentlichen Raum.

Die Demonstrationen im Rahmen der Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo haben nicht etwa in den Banlieues, also den Neubauvierteln außerhalb des Stadtzentrums von Paris stattgefunden, sondern auf dem Place de la République. Auch feiert der BvB seine Triumphe nicht in irgendeiner Dortmunder Vorortsiedlung, sondern mitten in der Stadt auf dem Borsigplatz. Betrachtet man dort die Häuser, sieht mal lauter runde Fassaden, die den Platz fassen. Ähnliches finden wir am Gärtnerplatz in München, der eigentlich nur ein Verkehrskreisel ist, auf den sechs Straßen zulaufen. Eigentlich ist er nicht räumlich geschlossen. Trotzdem hat er eine ganz klare, städtische Architektur. Durch die gebogenen Straßenfassaden entsteht ein definierter, markanter Raum.

Warum lieben wir gerade solche städtische Räume? Warum sind die Immobilienpreise gerade in diesen städtischen Räumen die höchsten?  Und warum können wir solche Räume heute nicht mehr planen?

Heute stehen am Beginn einer jeden Quartiersplanung zunächst technische Planungen. Man beginnt mit der Verkehrstechnik, der Trassenbreite von Straßen, ihren Abbiegespuren und weißen Verkehrsmarkierungen, statt den architektonisch stadträumlichen Charakter der Straße an den Anfang des Entwurfs eines Stadtquartiers zu stellen. Man beginnt mit den theoretischen Planungen von städtischer Dichte, statt mit dem konkreten Entwurf von städtischem Raum. Man stellt Häuser in mathematischen Verhältniszahlen von Gebäude- zu Grundstücksgröße zusammen, ohne Straßen und Plätze mit räumlich erlebbaren Proportionen als öffentliche Stadträume zu entwerfen. Und so zeigt der heutige Plan zu Errichtung eines neuen Stadtquartiers, der sogenannte Bebauungsplan mit seinem Zahlenwerk dem Betrachter nicht, wie die Häuser zueinander stehen, um miteinander einen gemeinsamen Raum, einen Straßen- oder Platzraum zu bilden. Der heutige Bebauungsplan ist kein Instrument, mit dem der uns gewohnte, gesellschaftlich anerkannte öffentliche Raum der europäischen Stadt vergangener Jahrhunderte geplant werden könnte. Der heutige Bebauungsplan ist ein Instrument planungstheoretischen Handelns, ohne dass daraus ein Stück Stadt entstehen könnte.

Und dies gilt auch dann, wenn der Aufstellung dieser Bebauungspläne ein städtebaulicher Wettbewerb vorangegangen ist, weil auch dieser sich nicht mit Straßen- und Platzräumen auseinandersetzt, sondern sich vielmehr in zweidimensionalen Planungen, mit modisch meandrierenden Bauköpern, gewürfelten Häuschen und vor allem mit viel „Grün“ beschäftigt.

Theodor Fischer hat in München mit seinem Fluchtlinienplan gezeigt, wie ein geschlossener Straßenraum entstehen kann. Dazu braucht es keine besondere Architektur, keine besonderen Fassaden, sondern nur Häuser, die den Straßenraum fassen. Es gibt eine eindeutig definierte Straßenfassade, es gibt Straßenfenster und es gibt Straßeneingänge. Nicht umsonst wird im Sprachgebrauch der Hofraum, die Hoffassade und das Hoffenster davon unterschieden.  Auch der Erweiterung von Josef Stübben durch die Ringstraßen in Köln von 1886 zeigt, dass alles klar geordnet ist und dass die Häuser mit ihren Straßenfassaden den von Stübben gedachten städtischen Raum schließen. Der Grundriss des städtischen Hauses folgt dem Grundriss der Stadt. Die Grundrisse des städtischen Wohn- und Geschäftshauses und die Ausrichtung seiner Funktionen zur Straße bestimmen, ob ein Haus und seine Bewohner am städtischen Straßenleben teilnehmen. Genau aus diesem Grund hat Josef Stüben im Handbuch „Der Städtebau“ zunächst in zwanzig Seiten über die Architektur des Wohnhauses geschrieben.

Der Grundriss eines Mietshauses, an dessen Straßenfassade aus vermeintlich funktionalen Gründen ausschließlich Treppenhäuser, Bäder und Küchen gelegt sind, weil man glaubt, alle Wohnräume zur Sonne ausrichten zu müssen, verschließt sich dagegen der Straße. Das Haus wendet der Straße den Rücken zu, es wendet sich einfach vom Raum ab. Es gibt auch keine Straßenfassade, sondern alle Fassaden sind gleich und alle Seiten sind gleich. Und sie stehen alle irgendwie auf der grünen Wiese. Es gibt kein vorn, kein hinten, kein öffentlich, kein privat, keine soziale und funktionale Mischung, keine Dichte und natürlich keine Stadtstruktur. Wir bauen Zeilen, weil da vorne und hinten gleich sind und wir uns nicht die Mühe einer Differenzierung machen müssen.

Mit dem Deutschen Institut für Stadtbaukunst erforschen wir verschiedene Haustypen der vergangenen Jahrhunderte und wie wir sie in unsere Zeit übertragen können. Allen diesen Haustypen ist gemein, dass sie vorne und hinten, öffentlich und privat unterscheiden. Setzt man die verschiedenen Haustypen zusammen, erhält mal plötzlich wieder Höfe und wunderbare, städtische Wohnungen mit einem Vorne und einem Hinten. Das funktioniert unglaublich gut, nicht nur im frei finanzierten sondern auch im geförderten Wohnungsbau. Und in die Höfe können Hochgaragen intergiert werden. Das hießt diese hässlichen, grauenhaften Stahlparkhäuser, die überall an den Flughäfen herumstehen, werden einfach eingepackt. Da wird das Hinten zum Parkhaus und das Vorne wird zur Stadt. Und die Hochgarage kostet im Vergleich zur Tiefgarage an dieser Stelle pro Stellplatz nur 5.000 Euro statt 15.000 Euro. Auch müssen die Böden für eine Hochgarage nicht versiegelt werden.

Mit vier sehr bekannten Skizzen von Ernst May aus dem Neuen Frankfurt möchte ich schließen. Sie zeigen, wie sich der städtische Block immer mehr auflöst und zum Schluss nur noch langweilige Zeilenbauten mit einer Erschließung im rechten Winkel bleiben. Die Stadtstraße ist einfach verloren gegangen. Und das ist genau das, war wir heute immer noch sehen, ein bisschen verschoben und verrückt und natürlich, aber im Grunde ist es noch dasselbe.

Wenn wir die europäische Stadt aber zurückgewinnen wollen, wenn wir Urbanität schaffen wollen, dann müssen wir verdichten, wir müssen mischen und wir müssen wieder lernen Architektur und Stadtplanung als Einheit zu begreifen. Grundlage allen Denkens muss der städtische Raum mit seinen Straßen, Plätzen und Häusern sein. Nur wenn die Akteure der Stadtentwicklung auch über das erforderliche städtebauliche und architektonische Wissen verfügen, können wir hoffen, dass die städtebauliche Qualität unserer Städte wieder zunimmt. Der hauptverantwortliche Stadtplaner sollte in Zukunft wieder Architekt sein.