INTERVIEW

„Früher hat es um die fünfzig Clubs und Bars gegeben, heute gibt es 300.“

München verändert sich, das merkt man auch an der neuen gastronomischen Vielfalt. Franz Rauch, einer der Mitbegründer des P1, begleitet das Nachtleben der Stadt seit Jahrzehnten. Zum Interview lädt er während eines Nachtflohmarkts ins Bussi Bussi Bavaria, sein Zwischennutzungsprojekt auf der Theresienhöhe.

Herr Rauch, wie urban ist München?

Einerseits ist München ja sehr grün, schauen Sie nur hier auf die Theresienwiese, es gibt die Isar, den Englischen Garten. Diese Nähe zur Natur spricht ja nicht unbedingt für Urbanität. Aber was München sehr urban macht, und hier spreche ich als Gastronom, ist das immer größere Angebot im Nachtleben.

Das war früher anders?

Ja. Ein Beispiel: Ich betreibe jetzt seit 34 Jahren einen Nachtclub am Englischen Garten, früher hat es um die fünfzig Clubs und Bars gegeben, heute gibt es 300. Hier hat sich das Angebot wesentlich erweitert. Das liegt einerseits am Zuzug, andererseits aber auch an liberaleren Gesetzen, etwa an der Sperrzeitenverordnung. Früher durften wir Clubs nur bis vier Uhr am Morgen aufmachen, eine Schankwirtschaft hat um ein Uhr zugemacht. Heute haben sie die ganze Nacht auf. In diesem Bereich sind wir hier in München – Gott sei Dank – fast so liberal wie Berlin.

Das müssen goldene Zeiten für die Gastronomen sein.

Leider nein.

Weil es so viel Konkurrenz gibt?

Na ja, es gibt immer mehr und sehr gute Anbieter. Aber der Kostendruck ist heutzutage sehr hoch, das fängt bei der Konzession an, geht bei den Personalkosten weiter und dann gibt es natürlich die Mieten, die auch für Gastronomen immer mehr steigen. Zwischennutzungen wie hier auf der Theresienhöhe funktionieren
aber gut, weil sie zeitlich überschaubar sind und gut zu berechnen. Grundsätzlich war für einen Gastronomen das Preis-Leistungs-Verhältnis früher anders. Vieles wird teurer, und deswegen sagen auch viele Leute, München können sie sich nicht mehr leisten – leider. Und natürlich verändern sich auch die Viertel, denken Sie an das Stehausschanksterben. Wie viele Stehausschänke hat es noch vor 25 Jahren gegeben? Heute gibt es in München fast keine mehr.

Gibt es Viertel in München, in denen Sie kein Lokal eröffnen würden? Wie wäre es mit Allach oder mit Riem?

Es kommt immer auf die Lage und das Konzept an. Aber ja, gerade Riem hat natürlich ein großes Einzugsgebiet. Draußen ist es vielleicht ein wenig ländlicher, aber die Mieten sind billiger und schauen Sie nur nach Riem: Messe, U-Bahn, der Speckgürtel nach Osten ist enorm.

Gibt es Viertel in München, die sich überlebt haben?

Überlebt hat sich keines, aber in manchen Vierteln gibt es Straßenzüge, die nur noch von großen Ketten dominiert werden. Diese Unternehmen können natürlich auch mehr Miete zahlen als der kleine Gastronom. Ich finde, das typische Münchner Flair fehlt an diesen Ecken und in diesen Straßen, ich glaube nicht, dass der Einheimische dort noch ankommt.

Für die Urbanität, für das Flair einer Stadt ist das fatal. So eine Straße ist austauschbar, weltweit das Gleiche. Wenndort aber nichts mehr interessant, nichts mehr sexy ist, gibt es keinen Grund mehr, dort hinzugehen.

Als Gastronom muss man etwas Besonderes schaffen.

Ja, man braucht einen USP, ein Alleinstellungsmerkmal, ein Produkt, das Nachfrage erzielt, man braucht einen guten Standort und man braucht Luft – zum Investieren. Ich glaube, heute ist es wesentlich schwieriger, sich selbstständig zu machen. Ich denke da auch an die vielen behördlichen Auflagen, bei einer Veranstaltung ab 1.000 Besuchern braucht man zum Beispiel einen Sanitäter.

ZUR PERSON

Franz Rauch ist gebürtiger Münchner.
Seine Hausaufgaben hat er als Kind
am Stammtisch gemacht, seine Familie
hat ein Wirtshaus in Laim betrieben.
Rauch hat eine Metzgerlehre sowie eine
Lehre zum Restaurant- und Hotelfachmann
abgeschlossen. 1984, mit 21 Jahren, hat er
sich selbstständig gemacht und zusammen
mit Michael Käfer das P1 eröffnet. Es folgten
viele weitere Lokale, auch international.

Wie ist Ihre Erfahrung mit den Behörden?

München hat sich verändert und ist liberaler, und auch die Verwaltung hat sich verändert. Die Behörden als Dienstleister sind sicherlich besser geworden. Ich habe kaum Probleme, auch Zwischennutzungsprojekte wie hier im Bussi Bussi Bavaria sind kein Problem.

Sie sprechen vom Leben und Lebenlassen, von bayerischer Gelassenheit – gilt das heute auch noch, wenn man ein Lokal in Innenstadtlage aufmacht?

Es stimmt, das Miteinander ist leider Gottes nicht leichter geworden. Der Nachbar ruft beim KVR (Kreisverwaltungsreferat, Anm. d. Red.) an, das KVR ruft bei der Polizei an, die Polizei kommt zu dir. Das Gastronomiegeschäft ändert sich. Früher hat man einfach gemacht: Umsatz machen, Spaß verbreiten, Gastgeber sein, ‚Grüß Gott, guten Appetit, auf Wiederschaun‘. Heute sind wir Gastronomen viel damit beschäftigt, drüber nachzudenken, keine Fehler zu machen.

Das macht natürlich nicht so viel Spaß. Ich verstehe aber auch die Anwohner, die Ruhe wollen, aber immer alles verbieten, das klappt auch nicht. Klar, wir können in der Stadt die Bürgersteige hochklappen und zum Lachen fahren wir aufs Land – aber das funktioniert nicht, das hat mit Urbanität nichts mehr zu tun.

Die Mehrheit der Münchnerinnen und Münchner (72 %) fühlt sich mit ihrem eigenen Viertel sehr stark bzw. eher stark verbunden, dies zeigt eine Umfrage der Landeshauptstadt. Diejenigen, die mit ihrer Wohnumgebung sehr zufrieden oder zufrieden sind, fühlen sich auch überdurchschnittlich häufig ihrem Viertel verbunden. Am deutlichsten ist der Zusammenhang bei den Zufriedenheitswerten zur Gastronomie und zu Kulturangeboten. Während sich 78 % derjenigen, die mit der Gastronomie in ihrer Wohnumgebung (sehr) zufrieden sind, mit ihrem Viertel sehr bzw. eher stark verbunden fühlen, sind es nur 57 % derjenigen, die mit der Gastronomie sehr unzufrieden bzw. unzufrieden sind.