"Wie wird die Siedlung zum Quartier?"

Dr. Manfred Probst: Apropos „Urbanes Gebiet“. Wir müssen auch über Dichte sprechen, weil Urbanität und Dichte ja oft fast synonym verwendet werden. Frau Merk, haben Sie schon Erfahrungen oder Ansätze einer Erfahrung, wie sich das erfolgreich gestalten ließe in München?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Wir haben ja an vielen Stellen, zumindest juristisch, urbane Gebiete mit einem unglaublichen Aufwand produziert. Die Chance, die wir jetzt haben, ist, dass wir von Anfang an in der Gestaltung auf eine höhere bauliche Dichte und Nutzungsmischung abzielen und Spielräume besser nutzen können. Der Umgang mit Lärm ist dabei eine der ganz großen Herausforderungen, und ich spreche nicht nur vom Straßenlärm, sondern auch vom Wohnungslärm.

Ich glaube, das gelingt nur, wenn wir stärker vom Quartiersgedanken her kommen. Auch die Energieparameter kann man klüger lösen, wenn man über ein Quartierskonzept geht. Da muss nämlich das einzelne Haus nicht die absolute Maximierung und Optimierung liefern, sondern es zählt das Ganze. Das setzt aber voraus, dass man entweder Eigentümergemeinschaften hat oder einen Eigentümer, der dieses Quartier aus einer Hand mit uns entwickelt.

Die positive Seite in der Marktentwicklung der letzten Jahre ist, dass es immer mehr Bauherren gibt, die die Projekte, die sie entwickeln, auch selbst behalten. Darin steckt die Chance auf eine höhere Qualität und eine stärkere Nachhaltigkeit.

Und die Fassaden: Es geht nicht darum, dass jede Fassade anders ausschaut, aber die Fassaden brauchen mehr Charakter, und sie brauchen an der richtigen Stelle Details und vernünftige Abschlüsse nach oben.

Insofern denke ich schon, dass eine neue, gelungene Urbanität von der Nutzungsvielfalt, von der sozialen Mischung und der sozialen Dichte abhängt, aber natürlich auch einer visuellen Vielfalt bedarf, einer Art ästhetischer Dichte. Wir haben zu wenig ästhetische Dichte in den Gebieten, die wir dicht bauen, und deswegen wirken sie so belastend. Ich glaube, das ist neben dem öffentlichen Raum ein wichtiger Punkt.

Beispiele wie die Hamburger Hafencity zeigen, welche ästhetische Dichte man zum Beispiel über die Materialien erzielen kann. Die Kennzahlen selbst, würde ich jetzt mal sagen, sind eigentlich Unsinn. Wenn wir uns die dichten Blöcke der Gründerzeit anschauen, dann empfinden wir die als angenehmer, als wenn wir viele niedrigere Dichten der letzten zwanzig, dreißig Jahre anschauen. Daran, glaube ich, muss man arbeiten.

Dr. Manfred Probst: Frau Wolfrum, bei dieser ganzen Verrechtlichung, ich erwähne nur beispielhaft Lärmschutz, Wärmeschutz, Brandschutz und so weiter, was glauben Sie: Bekommen wir eine neue Urbanität in München hin? Ist das zu bewältigen unter den gegebenen ökonomischen und stadtpolitischen Umständen?

Prof. Sophie Wolfrum: Eine politische Fragestellung wäre zum Beispiel, ob wir Münchens Wachstum tatsächlich allein mit Nachverdichtung bewältigen können. Wir wissen ja, dass Nachverdichtung immer schwierig ist, weil die Menschen, die dort wohnen, sich vielfach gegen die Veränderung sperren. Aus einer etwas undichten Zeilenstruktur ein dichtes Quartier zu machen, ist unendlich müh-
sam. Also müssen wir auch in die Stadterweiterung hineingehen – und das ist eine politische Aufgabe.

Deshalb meine ich auch: In einer Stadt mit einer so extremen Wohnungsnot können wir es uns im Grunde nicht leisten, ein innenstadtnahes Stadterweiterungspotenzial, wie wir es im Osten der Stadt haben, mit drei S-Bahn-Stationen, zu verschenken. Es kann nicht sein, dass wir im Osten der Stadt eine locker bebaute Gartenstadt für 15.000 oder 30.000 Leute bauen. Meine Behauptung ist: Da passen auch 100.000 hin, und die brauchen wir, wenn wir um 200.000 Einwohner wachsen sollen. Also warum bauen wir dort nur Siedlung und nicht Stadt? Das ist meine Frage.

Dr. Manfred Probst: Herr Ziller, wie sehen Sie das? Gibt es bei Ihnen im Büro Ideen, Ansätze, um diese Probleme in den Griff zu kriegen?

Michael Ziller: Politisch oder gesellschaftlich betrachtet, würde ich sagen, wir haben inzwischen wieder einen Konsens darüber, dass wir eine lebendige, gemischte Stadt wollen. Aber manchmal hat man das Gefühl, dass die Sicherung der Gartenstadt und der Zwischenstadt immer noch ein Thema ist und dass in den Gesetzgebungen die Trennung der „Moderne“ zwischen Arbeiten, Wohnen und Freizeit immer noch dominiert.

Die Frage sollte ja eigentlich nicht sein: Wie können wir das urbane Gebiet umsetzen? Sondern: Wie kann eine dichte, städtische Qualität, Mischung und Atmosphäre aussehen und wie können wir die Kategorie „Urbanes Gebiet“ dafür einsetzen? Da stellen sich natürlich zentrale Fragen: Wie wird die Siedlung zum Quartier? Und wie gehen wir mit der Erdgeschosszone um?

In der Hafencity Hamburg integrieren wir das alltägliche Wohnen in einer hohen Dichte. Entlang der Hauptstraßen eine kleinteilige Erdgeschossnutzung mit Gewerbe, und in den Nebenstraßen kann man, weil es ruhiger ist, auch im Erdgeschoss wohnen und hat dort sehr starke Wohnadressen. Für ein stabiles, generationenübergreifendes Quartier braucht man auch lebendiges Kleingewerbe.

Wir sprechen immer über Förderung von Wohnen, müssen wir nicht auch mal über Förderung von Gewerbe nachdenken? Ich glaube, da haben wir noch ein Defizit.

Deutschland und seine neuen Stadtquartiere

Dr. Manfred Probst: Sie haben jetzt eine wunderbare Brücke gebaut. Frau Merk, warum ist es denn so wahnsinnig schwierig, in dieser Erdgeschosszone ein Büro oder IT oder eine Gaststätte oder einen Laden oder einen Friseur oder einen Arzt oder was auch immer unterzubringen und darüber Wohnungen?

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Wir versuchen das ja immer wieder. Das Problem Nummer eins ist: Wir haben nicht die kritische Masse von Konsumenten und Produzenten, die solche Gewerbe oder Büros zu normalen Bedingungen in diesen Erdgeschosszonen umsetzen wollen. Es gibt aber durchaus die Hoffnung, dass sich das durch Digitalisierung und andere Formen von Arbeit in Zukunft ändert.

Das Zweite ist, dass wir nur dann mehr Durchmischung bekommen, wenn wir die Häuser auch dementsprechend bauen. Wir brauchen dann einen anderen Sockel, und das Erdgeschoss darf nicht bündig mit der Rasenfläche sein. Dann ist es nicht ganz so relevant, ob überall unten ein Gewerbe ist oder auch mal eine Wohnung oder vielleicht eine Kita. Und das, was wir aus den Hamburger Beispielen gelernt haben, ist, dass wir für das Erdgeschoss dann auch eine größere Höhe in den Bebauungsplänen festsetzen müssen.

Und die Gewerbeförderung gibt es bereits bei uns. Im Stadtrat wurde jetzt gerade wieder bekräftigt, dass die Kleingewerbe in der Altstadt und Innenstadt auch weiterhin gefördert werden. Und wenn man mit diesem Wissen durch die Altstadt geht, dann sieht man ganz schnell, dass die ganzen kleinen, individuellen Läden tatsächlich alle in Häusern der Stadt München sind. Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir so etwas auch anderswo hinbekommen. Aber eine komplett geförderte Stadt kann ja nicht das Ziel sein.

Dr. Manfred Probst: Die Erdgeschossnutzung scheint in jedem Fall einer der neuralgischen Punkte von Urbanität zu sein.

Prof. Sophie Wolfrum: Diese Erdgeschossnutzung bedeutet ja nicht nur, dass man dort einen Gemüseladen hat oder einen Espressoladen oder alles, was hübsch aussieht, sondern auch ganz normale Arbeitsplätze. Wenn wir uns die Gründerzeitviertel angucken, in Schwabing, Maxvorstadt und so weiter, dann sehen wir, dass sich in den Häusern, die als Wohnhäuser gebaut wurden, jetzt ganz viele Gewerbebetriebe befinden, wie zum Beispiel Notare, Anwälte, Zahnärzte oder Architekturbüros. Die sind in ehemaligen Wohnungen untergebracht. Warum kann man nicht eine neutrale Qualität von Räumen bauen, in denen man gut wohnen kann, die sich aber auch für Wohngemeinschaften eignen oder für Büros oder für ein Kleingewerbe? Warum bauen Sie, Herr Büllesbach, als Investor nicht einfach multifunktionale schöne Räume?

Dr. Jürgen Büllesbach: Ich behaupte jetzt mal, das tun wir durchaus wieder. Aber eine Zeitlang war ja tatsächlich eine strikte Trennung zwischen Arbeiten und Freizeit und Wohnen vorgegeben, auch stadtplanerisch. Davon bewegen wir uns erst seit ein paar Jahren wieder weg. Die Bayerische Hausbau kann aber einen Prototyp vorweisen: das Arabellahaus. Hier haben wir schon vor einem halben Jahrhundert eine große Nutzungsvielfalt in einem Haus realisiert.

Dr. Jürgen Büllesbach: Ich komme aber auch noch zu einem anderen Punkt. Natürlich kann man hoffen, dass durch Digitalisierung, Co-Working Areas und vieles mehr in Zukunft alles besser und einfacher wird. Ich glaube aber, das ist es nicht allein. Wir müssen als Stadtbürger schon auch lernen zu tolerieren, dass es da unten im Haus vielleicht eine Gastronomie gibt und dass es dann eben nicht ruhig ist, wenn ich im zweiten oder dritten Stock mein Fenster auf Kippstellung habe. Es gibt einfach einen Mangel an Toleranz heute, das zu akzeptieren, auf was ich mich bewusst eingelassen habe. Ich will in eine Stadt ziehen, aber ich will keine städtischen Begleiterscheinungen haben. Das funktioniert nicht.

Und vielleicht noch eine letzte Anmerkung, Frau Merk, zu der Kritik, unsere Fassaden seien zu wenig abwechslungsreich. Ich habe es in den letzten Jahren so wahrgenommen, dass es architektonisch en vogue war, reduzierte Fassaden zu bauen: flach und glatt und dazu möglichst noch bündige Fenster.

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk: Das stimmt so nicht. Es gibt ja wunderbare Fassaden von Theodor Fischer, die sind sehr reduziert, sehr einfach, aber trotzdem stimmen sie in der Proportion und sind lebendig. Das ist nämlich ganz oft unser Problem, dass die Proportionen nicht stimmen. Was sagen Sie, Herr Ziller?

Michael Ziller: Ich glaube, es geht weniger um die Reduzierung in der Formensprache, als darum, die einzelnen Elemente gut und abwechslungsreich miteinander zu verbinden. Man kann auch mit kleinen Dingen arbeiten, mit klaren Dachrändern oder Sockelzonen, mit Höhenunterschieden, Zonierung und schattenbildenden Elementen statt mit fünf verschiedenen Fensterformaten. Es geht um die Sorgfalt, mit der wir bauen.