Interview

Innen im Außen

Angelika Psenner fordert, Erdgeschosszonen von Neubauquartieren im Zusammenhang mit dem umgebenden Raum zu betrachten. Die Architektin und Stadtplanerin forscht an der TU Wien und skizziert Ideen, wie das „Stadt-Parterre“ gestärkt werden kann.

Frau Psenner, welche Bedeutung hat das Erdgeschoss, wenn es um das Funktionieren – oder Nichtfunktionieren – eines Quartiers geht?

Ich verwende in diesem Zusammenhang vorzugsweise den Begriff „Stadt-Parterre“. Darunter verstehe ich die gesamte Parterrezone einer Stadt, den bebauten Raum – also die Gebäude, das Erdgeschoss und die mit dem Erdgeschoss verbundenen Räume, das Souterrain, das Untergeschoss, manchmal auch Teile des Mezzanins oder des ersten Obergeschosses. Zum Stadt-Parterre gehört aber eben auch der unbebaute Raum um die Gebäude herum: die privaten und semiprivaten Innenhöfe und der öffentliche Raum der Straßen. Damit wird der systematische Zusammenhang zwischen den einzelnen Bereichen des Stadtgefüges hergestellt, um den es eben in Wirklichkeit geht. Es macht überhaupt keinen Sinn, einen Bereich des Stadt-Parterres losgelöst vom Rest zu betrachten, denn es bestehen zu jeder Zeit Synergien zwischen Erdgeschoss, Straße und Hof. Und deshalb, um die Frage zu beantworten, will ich folgendermaßen formulieren: Funktioniert das Stadt-Parterre, funktioniert die Stadt.

Dass wir begonnen haben, die unterschiedlichen Zonen des Stadt-Parterres unabhängig voneinander zu betrachten und zu analysieren, war ein eklatanter Fehler, der sich noch dazu in die Instrumentarien der Stadtplanung und der Stadtverwaltung eingeschrieben hat. Wir haben – zumindest hier in Wien – unterschiedliche Magistrate, die sich entweder mit der Bebauung oder mit der Straße befassen.

Wie steht es in heute entwickelten Quartieren um die Erdgeschosse?

Bezogen auf Wien kann man sagen, dass die Relevanz des Erdgeschosses für das Funktionieren der Stadt mittlerweile erkannt worden ist. In den aktuellen Stadtentwicklungsgebieten Wiens wird über sinnvolle Quartierbildungsmaßnahmen mit dem dem Fokus auf ein ausgewogenes Nutzungspotpourri im Erdgeschoss diskutiert und einiges versucht: hohe Raumhöhenvorgaben für das Erdgeschoss, mit der Planung Hand in Hand gehende Nutzungslenkung, Leerstandsmanagement, eine Zwischennutzungsagentur und vieles mehr. Dennoch steht das Stadt-Parterre als einheitliches System – mit all seinen Interdependenzen – immer noch nicht im Fokus der Aufmerksamkeit.

ZUR PERSON

Dipl.-Ing. Dr. techn. Angelika Psenner hat
die Elise Richter Habilitationsposition im
Fachbereich Städtebau an der Technischen
Universität Wien inne, wo sie derzeit das
Forschungsprojekt „StadtParterre, Wien“
leitet. Psenner wurde im italienischen
Bozen geboren, hat in Wien und Paris Architektur
studiert und wurde in Städtebau
und Soziologie an der TU Wien promoviert.
Sie forscht zu den Themen Wahrnehmung
von Architektur und öffentlichem Raum,
Stadt-Parterre – Erdgeschoss- und Straßenraum-
problematik, Resilienz, nutzungsoffene
Architektur und Aushandlungen von
Mobilität und Ortsloyalität im urbanen
Diskurs. Auszeichnungen beinhalten die
Elise Richter Habilitationsförderung des
FWF, den Wissenschaftspreis der WKÖ,
den Hochschuljubiläumsstiftungspreis
und den Theodor Körner Förderpreis.
Psenner lehrt zu den Themen Städtebau,
Stadtentwicklung sowie Architektur- und
Stadtplanungsforschung.

© bene-croy

Inwiefern unterscheiden sich neue Quartiere von den beliebten Altbauvierteln – in München beispielsweise Haidhausen, Schwabing oder das Lehel?

Altstadtviertel weisen – neben zentraler Lage, guter Verkehrsanbindung und ausgebildeter Infrastruktur – im Allgemeinen auch baulich vorteilhafte Strukturen auf: hohe Räume, Kleinteiligkeit, permeable Fassaden mit mehreren Öffnungen zum Straßenraum hin sowie nutzungsoffene, anpassungsfähige Architekturen. Dies sind Vorteile, die sich in neu entwickelten Arealen erst ausbilden müssen oder durch falsche Vorgaben von Seiten der Entwickler, etwa was Raumhöhen, Garagenzufahrten, Ansammlung von Nebenräumen im Erdgeschoss angeht, im Nachhinein nicht mehr einforderbar sind.

Inwiefern haben sich Nutzungsansprüche im Wohn- wie im gewerblichen Bereich verändert?

Unser Wohnraumbedarf hat sich in den vergangenen hundert Jahren verzehnfacht. Um 1900 galt für Wien eine Pro-Kopf-Wohnflächenzahl von vier Quadratmetern. Derzeit liegt Wien laut Statistik Austria bei 38 Quadratmetern, europaweit werden Zahlen von vierzig bis 42 Quadratmetern genannt. Wo früher in einem Stadthaus noch 340 Personen lebten, wohnen heute gerade einmal 34. Entsprechend weniger Menschen beleben die Straßen. Außerdem werden, wenn man mit wenig Wohnraum zurande kommen muss, Wohnfunktionen wie Spiel- oder Aufenthaltsräume automatisch in den öffentlichen Raum oder eben in die entsprechende Infrastruktur im städtischen Parterre verlagert. Die Gastwirtschaft um’s Eck ersetzte früher zugleich Wohnzimmer und Küche. All dies fällt heute weg, was letztendlich dazu führt, dass das Stadt-Parterre weniger Nutzung erfährt.

Wenn wir uns aber die Wohn- und Lebenssituation in anderen Städten der Welt, zum Beispiel in Hongkong, in Tokio oder Singapur, vor Augen führen und wenn wir die Urbanisierungswellen in Mittel- und Nordeuropa betrachten, könnten wir eine sich zukünftig abzeichnende Verdichtung von urbanem Wohnraum erkennen und vorausdenkend eine entsprechende Gestaltung des städtischen Parterres einfordern.

In diesem Zusammenhang: Wie hoch ist der Anteil des Baulichen daran, wie sich eine Erdgeschosszone entwickelt, wie weit kann dies vorausgeplant werden?

Durch geeignete bauliche Vorgaben wird eine Grundstruktur geschaffen, die es dann in zweiter Linie adäquat zu bespielen gilt. Der Katalog für ein vorbildlich gestaltetes Stadt-Parterre beinhaltet vielerlei Maßnahmen. Die Erdgeschosszone, also die straßenzugewandten Räume des Stadt-Parterres, müssen im Bebauungsplan als halböffentliche Zone tituliert und entsprechend gestaltet werden. Hier sollte auf Kleinteiligkeit Wert gelegt werden, da produzierendes Gewerbe und lokale Kleinökonomien erwiesenermaßen auf kleine, flexible und kostengünstige Einheiten angewiesen sind. Gediegene Raumhöhen ermöglichen jede Art der Nutzung. Ungünstige Nutzungen, etwa Garagen oder Lager, sollten mit Auflagen versehen werden, Innenhöfe entsiegelt und nutzbar gemacht werden. Außerdem muss der Austausch zwischen innen und außen gegeben sein. Für ein funktionierendes Stadt-Parterre ist die reale Durchlässigkeit der Erdgeschossfassade von großer Wichtigkeit.

Und wie kann der öffentliche Raum optimiert werden?

Auch hier gibt es viele Möglichkeiten: Es geht los bei den Gehsteigen, die essenzielle städtische Räume darstellen. Ihre Ausformulierung ist für das Zusammenleben von hoher Relevanz. Dort treffen Menschen aufeinander, diese sensible Übergangszone zwischen innen und außen benötigt Raum, der eine Inszenierung des Austausches zwischen halböffentlich und öffentlich zulässt. Gehsteige sollten daher mindestens vier Meter breit sein. Für die wärmere Jahreszeit wird unter dem Aspekt des Klimawandels auch eine Verschattung der Gehsteige zunehmend wichtiger.

Im Straßenraum sollte der Platz für den motorisierten Individualverkehr rückgebaut werden. Permanente Vereinnahmung von Straßenraum durch privates Gut muss entsprechend verrechnet werden. Das heißt, Parken im öffentlichen Raum muss teuer sein – denn die indirekt verursachten Mehrkosten, die ein nicht funktionierendes Stadt-Parterre hervorruft, muss die Stadt, also die Gesellschaft, tragen. Straßenraum ist kein Verkehrsraum, sondern Aufenthaltsraum für Stadtbewohner und Stadtbewohnerinnen.

Mobilität ist hier nur eine Sondernutzungsform. In diesem Zusammenhang fordere ich, die Stellplatzverordnung zu streichen und ebenso die StVO (Straßenverkehrsordnung) zu überarbeiten. Autobesitz ist kein Grundrecht, er verursacht vielmehr direkte und indirekte Kosten, die nur zu einem Bruchteil von den Autobesitzern selbst getragen werden.

Gibt es Erdgeschosszonen, die Sie für besonders gelungen halten und die möglicherweise beispielhaft für andere Quartiersentwicklungen sind?

Ich möchte lieber einige Maßnahmen aus jüngerer Zeit nennen, die ich gelungen finde und die in die richtige Richtung weisen. Etwa geräumige Gehwegbreiten in New York City oder das Superblock- Konzept in Barcelona (wo Straßenblocks aus etwa neun mal neun Straßen Schritt für Schritt zu fußgängerfreundlichen Zonen umfunktioniert werden, Anm. d. Red.). In der Seestadt Aspern in Wien gibt es die Vorgabe einer Mindestraumhöhe für das Erdgeschoss. Und die Mariahilfer Straße, ebenfalls in Wien, wurde im Sinne des Shared-Space-Konzeptes zu einer Begegnungszone umgebaut.