INTERVIEW

„Die digitale Stadt kann die analoge nicht ersetzen.“

Prof. Dr. Frank Eckardt über Auswirkungen der Virtualisierung auf die Urbanität und die damit einhergehenden gestiegenen Anforderungen an Stadtplaner, Architekten und Investoren.

Sie stellen die These auf, dass sich Urbanität infolge der Virtualisierung immer mehr vom Physischen entkoppelt. Überspitzt gesagt: Ist es dann egal, wie wir heute bauen, solange schnelles Internet vorhanden ist?

Nein, die Art und Weise, wie wir bauen, bekommt im Gegenteil noch eine größere Bedeutung, da der Unterschied digital/analog durch die Omnipräsenz virtueller Kommunikation relativiert wird. Die Entkoppelung vom Physischen bezieht sich auf die Bereiche, die die Imagination und Kommunikation des Gebauten betreffen. Der real gebaute Raum wird für die Virtualisierung „kompatibel“ gemacht. Immobilien und Räume im Allgemeinen müssen für den globalen Code der virtuellen Kommunikation passfähig werden, um in der virtuellen Bilderflut hervorzustechen.

Sie sprechen von der Unplanbarkeit der Stadt, die durch die Virtualisierung noch zugenommen hat. Warum?

Vorstellungen, wie eine Stadt zu planen ist, ergeben sich klassischerweise aus einem lokalen Aushandlungsprozess, der sich nach dem Gebrauchswert von Räumen ergibt. Durch die globale Verhandelbarkeit von Räumen wird dieser lokale Interessenausgleich relativiert. Einerseits ist die Möglichkeit der Intervention von außen erheblich größer, da nun alle Orte dieser Welt von überall sichtbar und dementsprechend auch bewertbar – in ihrem ökonomischen, kulturellen und sozialen Wert – werden. Andererseits haben viele Akteure der lokalen Stadtgesellschaft ein „globales Bewusstsein“ und wünschen sich die Gestaltung ihrer direkten Umgebung nach virtuell erfahrbaren Vorbildern. Jeder möchte einen Cappuccino in einer sicheren und ästhetisierten Wohlfühlatmosphäre trinken, die wir als weltweite Norm für Innenstädte beobachten können.

In Ihrem Buch „Die ortlose Stadt. Über die Virtualisierung des Urbanen“ schreiben Sie, „dass die vorgefasste Stadtplanung und die vorhandene ‚Stadtpolitik‘ weitgehend wie orientierungslose Lotsen im dichten Nebel herumirren“. Wie können die Akteure aus diesem Nebel herausfinden?

Der Prozess der Virtualisierung des Urbanen hat schleichend seit den neunziger Jahren stattgefunden und hat auch noch nicht sein Ende erreicht. Was inzwischen eingetreten ist, ist die weitgehende Akzeptanz und nunmehr auch Selbstverständlichkeit, mit der die Normen der Ortlosigkeit in unserem Planen, Wahrnehmen und Denken unserer Städte entstanden ist. Diese Normen ermöglichen eine Befriedung von großen Teilen der Stadt, die viele Menschen auch sehr positiv erfahren. Sie erfordern ein erhebliches Maß an Selbstkontrolle im eigenen Verhalten und sind voraussetzungsvoll in der Kommunikation.

Ich muss, um lokal handeln zu können, global vernetzt sein, um zu verstehen, welche Erwartungen und Bilder mein Gegenüber im Kopf hat. Die Relevanz davon haben viele Akteure noch nicht akzeptiert. Damit Stadtplanung wieder tatsächlich einflussreich werden kann, müsste eine solche Anerkennung der Globalisierung urbaner Vorstellungswelten stattfinden. Damit ist nicht gemeint, dass man diese einfach umsetzt, sondern nach Möglichkeiten der Irritation, der Kritik und der Entwicklung alternativer Bilder für die jeweilige Stadtentwicklung jenseits globaler Homogenisierung von urbanen Lebens-, Wohn- und Denkweisen sucht.

Welche Ratschläge würden Sie mitgeben, um bei neuen Quartiersentwicklungen Urbanität – virtuell und vor Ort – zu ermöglichen?

Die Entwicklung neuer Stadtquartiere erfolgt in der Regel oft nach Vorlagen virtuell vorhandener Wert- und Normvorstellungen. Es ist zu empfehlen, diese in einem Kommunikationsprozess mit den Beteiligten offenzulegen und durch externe Akteure kritisch zu reflektieren zu lassen. Die virtuell reproduzierten Normen– vor allem Sicherheit, Sauberkeit, Exklusivität, Distinktion – sind oftmals gar nicht die, die viele Bewohnerinnen und Bewohner von Stadtquartieren eigentlich verfolgen wollen. Durch die Virtualisierung des Urbanen werden diese Normen jedoch weitgehend unhinterfragt imaginär angepriesen. Dass es vielleicht auch andere Werte gibt, die Menschen in einer Nachbarschaft erwarten, etwa gegenseitige Hilfe, Offenheit und Raum für das „Wilde“ und „Ungeplante“, kommt nicht vor und muss von außen herangetragen werden.

Was bedeutet Urbanität heute?

Niemals zuvor haben Menschen so viel kommuniziert wie heute. Dies ist eine große Chance und auch der Kern des Zusammenlebens von Menschen in einem begrenzten Raum. Wer heute urban leben will, bestimmt die Grenzen seines Raumes dadurch teilweise selbst. Das Zusammenleben in der Stadt ist aber auch immer eine Auseinandersetzung um diese Grenzen gewesen. Deswegen wird es auch in Zukunft darum gehen, Aushandlungen und Konfliktformen zu finden, damit Menschen die schier unendlichen Räume wieder mit den Grenzen realer Städte in Einklang bringen. Diesen Prozess der Aushandlung würde ich als urban bezeichnen.

ZUR PERSON

Prof. Dr. Frank Eckardt ist promovierter Politikwissenschaftler und Professor für sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar. Dort unterrichtet er in der Fakultät Architektur und Urbanistik und hat seit 2004 unterschiedliche Forschungsprojekte zum Thema Stadt und Medien initiiert. Zusammen mit Partnern in New York und Großbritannien hat er 2007 die internationale Konferenzreihe „Mediacity“ gegründet. Gemeinsam mit dem Direktor des französischen Instituts für Urbanistik,
Alain Bourdin, und dem Medienwissenschaftler Andrew Wood hat er das Buch „Die ortlose Stadt. Über die Virtualisierung des Urbanen“ geschrieben.

Welche Assoziationen verbinden Sie persönlich mit einer digitalen Stadt?

Fake News. Die digitale Stadt oder die Smarc City sind Narrative einer technologischen Fantasie, die die urbanen Auseinandersetzungen über die Frage des Zusammenlebens in einer begrenzten Welt verdecken. Das Schlagwort der digitalen Stadt versperrt die Diskussion um die semantische Bedeutung der Stadt. Es impliziert eine weltanschauliche Neutralität und transportiert das altbekannte Versprechen von der Stadttechnik des 19. in das 21. Jahrhundert. Es hat wenig mit der realen Entwicklung von Städten zu tun. Erstaunlicherweise wird die Diskussion um Trolle, Hacker, Dark Net, Fake News usw. überhaupt nicht aufgegriffen. Krankenhäuser, Fernsehstationen oder der Bundestag sind lahmgelegt worden und es gibt keine Aussicht darauf, dass solche systematischen Angriffe ausgeschlossen werden können. Doch wir träumen davon, dass wir nun ganze Städte digitalisieren? Ein Traum, kein guter, den man hoffentlich nicht beginnt zu realisieren. Analoge Strukturen auszubauen, wird das einzige Mittel sein, um eine digitale Stadt zu ermöglichen. Diese Einsicht widerspricht aber der Versprechung der Digitalisierung, man könne damit Geld sparen. Die digitale Stadt kann die analoge nicht ersetzen, sondern sie ist darauf angewiesen, dass die Stadt zunächst einmal gut analog funktioniert.

Werden durch neue Medien- und Kommunikationsmittel Segregation und individuelle Isolation, beides Merkmale der Modernisierung des Urbanen, eher abnehmen oder zunehmen?

Beides, paradoxerweise. Menschen werden isolierter und individualisierter und zugleich vernetzter und in Gemeinschaften eingebettet. Die wichtigsten Lebensbereiche wie Arbeit, Bildung, Liebesbeziehungen und mehr werden über virtualisierte Gemeinschaften erleichtert und effizienter. Dadurch, dass Gemeinschaften aber nur noch temporär funktionieren und nicht mehr umfassender sozial eingebettet sind wie bei der klassischen Nachbarschaft, haben Gemeinschaften nur einen beschränkten Integrationsgrad. Es ist wahrscheinlich angemessen zu sagen, dass die Virtualisierung nicht auf Dauer segregiert, aber permanent zwischen Integration und Exklusion pendelt.

Das Bild der Fragmentierung der Stadt ist vielleicht treffender als Beschreibung dieses Zustandes. Diese Fragmentierung geht mit einer sozialräumlich sich vergrößernden Wohnsegregation einher. Das hat damit zu tun, dass die technologische Avantgarde, etwa bei der sensorischen Ausstattung von Häusern, als erste die finanzielle Gelegenheit dazu hat, jeweils baulich diese auch zu realisieren. Zudem schafft die erhöhte Mobilität der Gesellschaft, die eine Konsequenz der Virtualisierung der Arbeits- und Lebenswelt ist, eine neue Segregationslinie zwischen den Mobilen und den Im-Mobilen der Gesellschaft. Ausdruck davon sind relativ standardisierte Wohnformen wie die Stadtvillen, die die Sicherheit bieten und überall in jeder Stadt denselben Komfort und Geschmack für die Hypermobilen der Hochlohnschicht bieten, ohne den Friktionen mit anderen Lebensstilen in der direkten Lebensumwelt ausgesetzt zu sein. Das bedeutet, dass Stadtteile mit gemischter Lebensstil-Bewohnerschaft zu einer Art Kulisse werden, die für das Entertainment sorgen. Gentrifizierung geschieht hier über das Freizeitverhalten, vor allem gastronomisch und kulturell.

Sehen Sie in der Entortung des Urbanen auch eine Chance, dass die Wohnungsknappheit in Städten wie München oder Hamburg oder international New York oder London zurückgehen wird? Gibt es zukünftig Urbanität auch auf dem Land?

Urbanität gibt es nach meinem Verständnis überall und nirgends. Überall dort, wo die Auseinandersetzung zwischen global-virtuellen Vorstellungswelten geführt wird, entsteht wieder eine urbane Gesellschaft, auch auf dem Land. Wo dies nicht geschieht, verbreitet sich eine homogenisierte, cleane und sterile Ortlosigkeit – effizient, exklusiv, langweilig. Wohnungen werden genau dort entstehen, wo der lokale Wohnungsbedarf mit der globalen Wohnungsindustrie und Wohnwelt-Imagination in Auseinandersetzung tritt.

Oliver Hall, Professor für Städtebau, erklärt in der Süddeutschen Zeitung: „Der Wunsch, urban zu wohnen, ist nicht gleichzusetzen mit dem Wunsch, großstädtisch oder städtisch zu wohnen.“ Und weiter: „Nutzungsdichte ist die neue Form der Dichte.“ Stimmen Sie dieser Entkoppelung von Urbanität und Stadt zu?

Absolut. Städte ohne Urbanität können nur vermieden werden, indem tatsächlich eine vermehrte, verdichtete Nutzung stattfindet. Diese Nutzung besteht aber nicht nur darin, die Städte als Kulisse für verschiedene Nutzungsmöglichkeiten zu sehen, sondern darin, sie als Ort der aktiven Aneignung wiederzuentdecken.